Heute kehre ich also aus Bremen wieder, jener goldenen Stadt, gelegen am lieblichen Lauf der Weser. Die vielen kleinen Bremer Häuschen entzücken mich jedes Mal und die Stadtsilhouette weckt ein Freudenfeuer in mir. Ich hatte für ein paar Tage Merle besucht, den vielleicht wichtigsten Menschen in meinem Leben. Ich liebe sie, doch sie mich leider nicht, aber zumindest bin auch ich ihr sehr bedeutsam, ich denke wir führen so etwas wie eine innige Freundschaft mit Drall in Richtung platonische Liebe. Manchmal bin ich traurig und gar kümmerlich betrübt, weil ich mich so sehr nach ihr hingezogen fühle, sie aber keine Gefühle für mich erwidern kann. Aber ich tröste mich darüber hinweg mit der Freude über jene großartige Stadt, die mein Herz ein jedes Mal zutiefst ergreift. Und ich genieße die Freundschaft zu Merle, denn trotz aller Komplikationen – vor allem aufgrund der großen Distanz – fühle ich mich, wenn ich dann endlich bei ihr bin, endlich vollständig und sehr oft sehr glücklich.
Nun buchte ich, um Geld zu sparen, ein 49 Euro „günstiges“ Ticket der Deutschen Bahn mit 8 Stunden und 57 Minuten planmäßiger Fahrzeit und die Fahrt führte mich durchs Ruhrgebiet, wo sich mir abenteuerliches offenbarte. Ich erblickte zu meinem Glück die Hochbahn in Wuppertal und sie führt tatsächlich zu mindesten sehr großen Stücken direkt über einen Fluss, der sich wahrscheinlich Wupper nennen lässt. Ich finde die Idee so klasse, einfach über einen Fluss eine Hochbahn laufen zu lassen – jetzt endlich verstehe ich auch, weshalb man sie wahrscheinlich baute. Das erfüllt mich mit hochtrabendem Geist und lässt eine Spur von quirliger Freude in mir zurück.
Doch ich hatte mich zu früh gefreut: Vorbei am fantastischen Blick über das Rheintal (die Bahnstrecke ist wirklich empfehlenswert!), den prallen Weinbergen, langgezogenen, vom Geist des Dionysos beschienenen Dörfchen und prächtigen Burgen und Ruinen derselben hochan jedes zweiten Gipfels, verführte mich die Loreley um zugleich meinen Zug fehl zu lenken. In Frankfurt, dessen Wolkenkratzerpanorama nach meinen Maßstäben doch recht lückenhaft und nicht gerade überwältigend sich zeigte, wie in den Luftaufnahmen suggeriert, spiegelte sich die Sonne und ich konnte mich wahrhaftig an dieser schon fast heimeligen Atmosphäre erfreuen. Und natürlich sah ich kaum ein Flugzeug starten, wenngleich wir sogar im Lufthafenbahnhof uns die Ehre gaben. Nun gut, mehrere Zwangspausen und ein finaler Lokschaden bescherten uns königliche 30 Minuten und ich sah vor meiner inneren Sanduhr, dass die 7 Minuten Umstiegszeit in Nürnberg niemals ausreichen würden. Also ergriff ich die Initiative und machte mich durch den halben Zug auf, um endlich einen Bahnbeamten zu treffen, der mir den vorzüglichen Rat reichte, in Aschaffenburg auszusteigen. Doch leider fand sich der von ihm so trefflich vorhergesagte Zug weder auf den elektronischen Anzeigetafeln noch auf den Fahrplänen. Aufgeregt und ganz aufgewühlt nahm ich also den nächsten Zug in Richtung Mergentheim, Bad Mergentheim, um nicht am Ende auf einem Bahnhof zu nächtigen. Hier wiederum wurde mir gekündet, dass ich dort keinen Anschluss nach Crailsheim habe, hingegen aber einen Taxigutschein bekommen könne (in Lauda). Kurz vor Lauda werde ich aufgerufen und bekomme offenbart, dass ich in Lauda nach Stuttgart umsteigen möge. Dies getan, erzählte mir der dortige Bahnmärchenonkel, ich würde kurz vor Mitternacht in Stuttgart den letzten Zug nach Hause bekommen, doch mit viel Glück schnappte ich eine Stunde vorher den vorletzten und ich weiß immer noch nicht, weshalb sein Anzeigegerät extra die spätere Verbindung anzeigte (und noch dazu eine einstündig spätere Ankunftszeit in Stuttgart).
Doch schließlich bin ich nach Hause gelangt, um nun den geneigten Leser mit jener Anekdote zu verköstigen, auf dass sich sein Herz wohlfeil erfreuen möge an meiner Geschichte. Und so habe ich vor glücklich einzuschlafen und im Sinne der Griechen, über welche ich mich zur Zeit belese, diesen Text in Odysseus’ Tradition zu stellen, nur zog es mich nicht nach Troja und anders benannte Frauen ziehen mich in ihren Bann – allen voran die liebliche Loreley (sofern ich die „Loreley“ richtig deute).
Gute Nacht